Meilenfresser

Montag war Landgang auf Hiddensee angesagt. Wir mieteten uns ein Tandem und erkundeten die langgezogene kleine Insel westlich von Rügen. Viel gab es gar nicht zu sehen – ein kleiner Leuchtturm im Norden, drei kleine Ortschaften, unmengen Pferdekutschen und Radfahrer, ein Zeltkino, das mangels Zelt ins Gebäude der freiwilligen Feuerwehr umgezogen ist… Alles sehr beschaulich, aber wunderschön. Den Tag krönten nochmal zwei Stunden am Strand und anschließend hieß es: früh ins Bett! Denn die Etappe nach Bornholm, die wir für den nächsten Tag geplant hatten, war lang – ganze 67 Seemeilen. Um nicht allzuspät anzukommen und vor allem den über den Tag abnehmenden Wind möglichst effektiv zu nutzen, setzten wir den Startzeitpunkt auf 5 Uhr morgens.  dsc_0052

Also Wecker auf 4.45 Uhr. Kurzes frischmachen, Elektrofestmacher einholen, Persenninge runter, Vorleinen los, Achterleinen los und langsam das Boot per Muskelkraft aus der Box schieben – wir wollen ja die Nachbarn nicht wecken, und insbesondere auch nicht Nina. Die schlief nämlich noch seelenruhig im Vorschiff. Schade, so ganz hat das motorlose Ablegen dann doch nicht geklappt, aus einer Leebox heraus ist das aber auch blöd. Also doch kurz den Jockel angeschmissen, voll zurück, Genua ausgerollt, Motor wieder aus und – wahnsinn. Die Sonne geht gerade auf, wir gleiten geräuschlos aus der Marina und ich genieße den Augenblick. Das lauteste Geräusch, das ich für die kommende Stunde hören werde, ist der Start von einer Gruppe Schwänen in etwa 1km Entfernung. Ich setze das Großsegel noch dazu und wir segeln gemütlich mit 3 Knoten Fahrt durch das enge Boddenfahrwasser.

Dann endlich, raus aus der Abdeckung der Insel. Der Wind weht mit etwa 3Bft aus Nordwest, super für den Kurs nach Bornholm. Fast 6 Knoten stehen jetzt auf der Uhr und wir peilen jetzt 60 Grad – direkt nach Rønne.

Gegen neun schält sich Nina aus der Koje. Nach einem kurzen Frühstück lässt der Wind nach, was bleibt, ist eine ekelhaft kurze Dünung mit irgendwas zwischen 0,5 und 1 m Wellenhöhe. Also den Spi hoch, der Kurs ist zwar Spitz, aber das könnte gehen. Und tatsächlich pendeln wir uns damit auf etwa 4,5kn Durchschnittsgeschwindigkeit ein. Das ist in Ordnung.

Abgesehen von einem Sitzkissen-über-Bord Manöver (was blöd ist, weil erst der Spi runter muss) passiert zunächst nichts spektakuläres.

So bewältigen wir unsere ersten 40 Meilen tatsächlich unter Segeln, Nina schließt schon ihr zweites Buch ab, ich irgendwann später mein erstes. Alles könnte so perfekt sein, bis plötzlich – mit einem erstaunlich leisen “peng” – Der Spi im Wasser liegt. Spinnakerfall gerissen. Mist – verdammter! Ich hatte den Spi nicht ganz hochgezogen, damit er etwas vom Großsegel wegweht und die beiden Segel sich nicht so sehr stören. Durch das permanente Rollen muss sich das Fall aber am Masttopp durchgescheuert haben. Wieder was gelernt und wieder eine Aufgabe mehr – denn natürlich ist das verbleibende Fall in den Mast gerutscht und muss neu durchgezogen werden. Das bedeutet Fummelarbeit und eine erneute Kletterpartie nach ganz oben.

Weil der Wind für unsere Restbesegelung immer noch nicht stark genug ist, geht der Motor an und die letzten 26 Meilen machen wir mit einem permanenten Knattern im Ohr. Egal, das Wetter ist nach wie vor perfekt, ab und zu machen wir einen kurzen Stopp zum Baden. 18°C hat das Wasser; und keine Quallen.

Gegen 20.00 Uhr erreichen wir Bornholm. 15 Stunden für 67 Seemeilen, die wir zu 60% bei relativ wenig Wind gesegelt sind – das geht in Ordnung. Wie bisher alle in allen Häfen gibt es auch hier bereits mehr Yachten als Liegeplätze. Wir legen uns daher ins Päckchen und lassen den Abend ausklingen. Übrigens, endlich mal eine vernünftige Marina. Duschen inklusive (und nicht, wie in Vitte, 2€ für 3 Minuten) und WLAN gibts auch.

Mittwoch wurden wir dann früh geweckt, schon um 7 Uhr wollte das innere Schiff des Päckchens ablegen. Grund dafür war die Wettervorhersage, Nordost 5 – 6 später bis zu Windstärke 8! Klar, wenn wir weiter gewollt oder gemusst hätten, wären wir auch früh rausgegangen. Praktischerweise waren auch schon einige andere Liegeplätze frei, sodass wir uns direkt eine eigene Box im Innenhafen genommen haben. Anschließend sind wir wieder in die Kojen geschlüpft.

dsc_0096  Nach dem Frühstück holten wir uns mal wieder ein Tandem. Das ist übrigens nicht nur Romantik, sondern wirklich praktisch. Auf den engen Radwegen kommen viele Radler entgegen, sodass man nicht oft nebeneinander fahren kann. Beim Tandem ist man aber trotzdem dicht genug beieinander, um sich auch unterhalten zu können.

Also erkundeten wir den Südteil der Insel, und ja – auch beim Radfahren sind wir wohl Meilenfresser. Von Rønne, über das kleine Aakirkeby bis hin zur wunderschönen Dünenlandschaft Dueodde und zurück legten wir insgesamt über 60km zurück.

Wir liegen jetzt in Allinge, mehr notgedrungen als geplant. Wir wollten eigentlich nur 10 Meilen nach Norden um nach Hammerhavnen zu gelangen, wo eine Burgruine sehr sehenswert sein soll. Der Wind frischte aber massiv auf, bis wir schließlich SW 6-7 hatten. Nur Großsegel gesetzt, im 2. Reff und trotzdem 7,5kn! Aber ein reiner Spaß war das nicht. Ein Fender fiel über Bord und wir schafften es nicht, ihn wieder rein zu holen. Unser eigentliches Tagesziel mussten wir verlegen, weil Hammerhavnen bei starken westlichen Winden nicht angelaufen werden kann.

Eigentlich wollte wir deshalb nach Sandvig, doch als wir sicher fest waren stellten wir fest, dass wir in Allinge gelandet waren. Egal, zwar haben wir einen unruhigen Liegeplatz, weil noch ordentlich Dünung aus Nordost nachläuft, aber die 3m Welle heute hat uns nicht motiviert noch weiter zu segeln.

Hier läuft gerade ein Jazzfestival, das schauen wir uns jetzt mal an.

Geschrieben von Peter am 14. Juli 2011 | Abgelegt unter Südliche Ostsee | Ein Kommentar

Peter

Skipper

Partner


Outdoor und Klettern mit Bergfreunde.de
Sie wollen die piano unterstützen und Ihr Firmenlogo an dieser Stelle platzieren? Dann nehmen Sie Kontakt mit uns auf!

Stay in touch

Ein Kommentar zu “Meilenfresser”

  1. berndam 15. Juli 2011 um 23:29 Link zum Kommentar

    was bei euch so alles über Bord geht, erst ‘n Sitzkissen (im Manöver?)(hat hoffentlich nichts mit der dänischen Marina zu tun) dann ‘ne Fender, aber selber Schuld , was spielste auch bei Sturm Gitarre auf’m Deck. Nina sieht so aus, als wolle sie gleich hinterherspringen, Aber sie und die gute Laune scheint an Bord geblieben. Ich trinke dann lieber erstmal ein Bier auf euch, bevor ich mein seemännisches Fachwissen weiter vertiefe.