Wetterpech und Wetterglück

Nach einigen Tagen ohne Internet kommen wir jetzt in Schweden endlich wieder online. Wir haben eine schwedische SIM-Karte, die Marius im letzten Jahr gekauft hat und zum Glück funktioniert sie noch. Zwar nicht – wie geplant – in meinem neuen Palm Pixi, denn der hat schon nach wenigen Tagen seinen Geist aufgegeben – Akku tot. Aber zum Glück ist Ninas altes handy in der Lage, über Bluetooth als Modem zu fungieren.

Aber der Reihe nach.

Als wir in Allinge ankamen, herrschte noch eine ordentliche Dünung, die die piano an der Spundwand einen halben Meter hoch und runter rollen ließ. Zum Glück ließ die aber zum Abend hin nach, sodass wir eine entspannte Nacht verbringen konnten. Wir lauschten dem Jazzfestival und saßen abends noch gemütlich im Cockpit der bei uns längsseits liegenden Greetchen, ein schicker, hochmoderner hölzerner Eigenbau aus Kappeln.
Am nächsten Tag ging es auf Wanderung. Über Sandvig (dessen Hafen wirklich zu flach ist), um das Kap Hammerodde vorbei am dsc_0054 Opalsee, an dem sich mutige Schweden in die Tiefe stürzen, um an einer menschlichen Seilbahn dem Wasser entgegen zu brausen.
Am Nachmittag entschlossen wir uns, noch schnell in das 7 Meilen entfernte Örtchen Gudhjem zu segeln. Schnell ist wörtlich zu nehmen: Nach einer Stunde und 10 Minuten waren die Leinen schon wieder fest. Wer auch immer Bornholm besucht – Gudhjem ist einen Abstecher wert. Ein süßes Dörfchen voll bunter Häuser, kleiner Läden, Glasbläsereien, Räucherein, Karamellbäckereien… mmmmmhhhh.
dsc_0073_2  Weil das Wetter am Abend wieder aufgeklart war, beschlossen wir (also ich), dass das Spinnakerfall wieder durchgezogen werden soll. Also zog ich Nina hinauf in den Mast, um eine Pilotleine einzufädeln. Leider erfolglos. Zur Stärkung eine Pizza und diesmal kletterte ich hoch – auch ohne Erfolg. 1,5 Stunden, 6 mal hoch und runter, später schafften wir es aber mit der kreativen und tatkräftigen Unterstützung der neben uns liegenden Crew der Cassiopeia aus Kiel und zogen das Fall wieder aus dem Masttopp! Das heißt, eigentlich könnten wir den Spi wieder ziehen.
Wenn da nicht das Wetter wäre. Samstag machten wir uns an die Überfahrt nach Christiansö, einer kleinen Inselgruppe nördlich von Bornholm. 5 Windstärken aus West ließen uns nicht an Spinnaker denken. Für die kurze Etappe von 10 Seemeilen sind solche dsc_0088  Bedingungen ja zu verkraften, aber fühlte sich an, als würde sich das Wetter gar nicht mehr beruhigen. Christiansö ist ein Traum! Irgendwo haben wir gelesen, es erinnert an einen Piratenunterschlupf und das ist wohl wirklich die treffenste Beschreibung. In kaum 1,5h hat man das Eiland zu Fuß umrundet. Kein Haus hier ist neuer als 150 Jahre, manche sind sogar noch aus dem 17. Jahrhundert. Und trotzdem leben hier 100 Menschen ganzjährig, in relativ modernen Verhältnissen. Also mit fließendem Wasser, Strom, Internet usw. Aber natürlich ohne Autos (wozu auch) oder Shopping (außer einem Kaufmann). Haupteinkunft ist das Fischen, im Sommer zusätzlich der Tourismus.
In der Mitte der Inselgruppe gibt es einen kleinen Bereich, der als Hafen dient, aber längst nicht als solcher ausgebaut ist.
Und genau das wurde uns am Sonntag zum Verhängnis. Wir suchten uns einen Liegeplatz relativ weit außerhalb, Heck an einer Mouringboje, Bug an der Kaimauer, in Richtung West ausgerichtet. Bei dem Samstag noch wehenden frischen Westwind war das super, wir fühlten uns sicher.
Über Nacht drehte der Wind jedoch auf Südost und ordentlich auf; über 6 Windstärken weckten uns. Da wir dicht an der nach Süden geöffneten Hafeneinfahrt lagen, ließen uns ordentliche Wellen mächtig rollen. Nach einigem hin und her überlegen entschlossen wir uns, den Platz zu verlassen, und lieber in eins der Päckchen weiter im Hafeninneren zu gehen.
Doch leichter gesagt als getan, schließlich lagen wir auf Legerwall von einem Steinhaufen (weniger als 4m entfernt) und in Richtung der Kaimauer und nach Luv war die Wassertiefe weniger als 1,5m – alles Felsen. Der Wind war zu stark, um einfach die Leinen loszuschmeißen und mit Maschine rauszugehen.
dsc_0108  Darum dachten wir, sind wir schlau, lassen wir uns von einem Helfer das Heck per Leine in eine sichere Richtung ziehen. Das klappte soweit auch ganz gut, bis eine recht hohe Welle das Schiff plötzlich anhob und gewaltig nach Backbord versetzte – auf die Steine. Scheiße, anders kann ich es leider nicht ausdrücken, denn so furchtbar hab ich mich noch nie gefühlt. Von unten knirschte und knallte es, von der Seite schob und rollte es, und ich befürchtete, die nächste Welle dieser Größenordnung haut uns gegen die Kaimauer. Ich konnte rein gar nichts ausrichten, wir saßen fest. Trotzdem gab ich Vollgas nach vorne, in der Hoffnung, die nächste Welle hebt uns wieder raus. Irgendwie hat das geklappt. Irgendwie bin ich da rausgekommen. Und irgendwie scheint es keine Schäden gegeben zu haben.
Der Schock saß uns beiden aber tief. Anschließend liegen wir im Päckchen an einer großen Jeanneau aus Flensburg, den Bug in den Wind gerichtet, der auch nachließ. Wir waren wieder sicher.
Aus unserer geplanten Überfahrt nach Norden ist aber am Sonntag nichts geworden.

dsc_0127  Statt dessen luden wir uns Gäste ein. Schon in Allinge hatten wir ein finnisches Pärchen in unserem Alter kennen gelernt – Päivi und Julius – die mit einer Albin Express auf dreimonatiger Segelreise sind. So verbrachten wir einen netten, lustigen, und interessanten Abend auf der piano und beschlossen, am nächsten Tag um die Wette richtung Utklippan zu segeln. Das sind immerhin 41 Seemeilen und wir dachten, die Boote sind etwa gleich schnell.

Der Montag begrüßte uns mit Regen – nicht gerade motivierend, um 40 Meilen zu segeln. Eine halbe Stunde verspätet schälten wir uns aus den Kojen, die Albin Express war schon gestartet. Der Regen ließ zum Glück schnell nach und der Wind wehte mit guten 3 Beaufort aus Süd. Gar nicht übel, wir zogen den Spinnaker und holten die Albin Express schnell ein. Das war endlich mal wieder wirklich schönes Segeln!

Wenn uns unser Ziel auch entäuschte. Utklippan, die südlichste Schäre der hiesigen Region, sieht aus wie ein einfachr alter Nothafen, bietet rein gar nichts und kostet trotzdem Geld. Frechheit!

Wir verbrachten den Abend aber wieder nett mit den beiden Finnen, diesmal auf deren Boot und leckeren Pfannkuchen!.

Am heutigen Morgen hieß es dann aber Abschied nehmen. Wir fahren jetzt wieder Richtung Westen, während Julius und Päivi Kurs Finnland segeln. Endlich ist der Sommer wieder ausgebrochen! 28°C, Sonne, seichter Wind, Spinnakerkurse .. so haben wir es uns vorgestellt. Die 6 Starkwindtage hätten wirklich nicht sein müssen.

Jetzt schauen wir uns mal das Städtchen Karlskrona an, füllen unsere Vorräte auf, Waschen das Boot und dann werden wir gegen Abend wohl in irgendeine gemütliche Ankerbucht umlegen.

Geschrieben von Peter am 19. Juli 2011 | Abgelegt unter Südliche Ostsee,Törns | 2 Kommentare

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2 Kommentare zu “Wetterpech und Wetterglück”

  1. Mexikaneram 20. Juli 2011 um 03:16 Link zum Kommentar

    Liest sich ja richtig spannend, Mami fragt, warum ich die Stirn so Kraus gezogen hatte …,
    und Nina : das mit dem Einfädeln am Mast hätte ich auch so gemacht, 5 Minuten … :)
    Segelt doch mal bei uns vorbei ! Viel Spaß noch und liebe Griüße aus der Karibik !

  2. Stephanam 21. Juli 2011 um 17:50 Link zum Kommentar

    Ihr macht ja Dinge durch! Schön zu lesen, dass alles gut und nichts kaputt gegangen ist. Der Segel-Schutzengel ist wohl immer an eurer Seite ;)

    Klasse finde ich auch, dass ihr “einfach so” wildfremde Leute kennenlernt und mit denen ein paar Tage verbringt. So stelle ich mir eine Reise vor :-)

    Passt weiterhin auf euch auf und habt viel Spaß! Hoffentlich hält das Wetter bei euch.

    PS: Solltet ihr mal wieder SIMs für eure Reisen benötigen, meldet euch doch einfach vorher bei mir. Ich arbeite ja in der passenden Branche und könnte SIMs “aus aller Welt” besorgen ;-)